Eine Frage der Neugierde
Die L'Oréal-Gruppe nutzt Marketing-Wettbewerbe als Rekrutierungsinstrument für den Führungsnachwuchs
Bunte Haargels in Himmelblau bis Lila. Haarwachs in Kugeln, die aussehen wie Riesenkaugummis, oder ein Mousse mit belebendem Taurin. Am Anfang steht die Produktidee. In welcher Verpackung soll das Produkt präsentiert werden? Wie sieht die Marketing-Strategie aus? Welches Styling ist der letzte Schrei? Fragen, die entscheidend sind für den Verkaufserfolg - und eine Platzierung im Finale. Und wie schafft man es schließlich, in begrenzter Zeit ein Produkt ansprechend zu präsentieren und die Jury vom eigenen Marketingkonzept zu überzeugen?
Mal frech und humorvoll, wie die drei vom australischen Team, mal höflich und artig, wie die Chinesen und Japaner. Oder ganz professionell und analysestark wie das Schweizer Team "Bamboo" von der Universität St. Gallen, das schließlich auch gewann. In jedem Fall echte Kopfarbeit. Beim Finale des L'Oréal Brandstorm, einem Marketing-Wettbewerb für Wirtschaftsstudenten, präsentierten 31 Teams aus aller Welt in Paris ihre Produktideen. Die Aufgabe: Als Markenmanager für die Haar-Styling-Marke "Studio Line" verschiedene Marketingelemente neu zu entwickeln und mit Unterstützung einer Agentur eine innovative Marketingkampagne zu kreieren.
Der Brandstorm-Wettbewerb hat Vorteile für beide Seiten
Die Manager von morgen können ihr strategisches und analytisches Können, ihre Kreativität und Konzeptionsfähigkeit unter Beweis stellen und sich gegen internationale Mitstreiter behaupten. Nicht ausgeschlossen, dass einige der Markenmanager auf Zeit bald dem Unternehmen angehören. Denn die Jury besteht aus Top Managern von L'Oréal. Die Teilnehmer können nicht nur Reisen und jede Menge Erfahrung gewinnen, sondern haben auch die Chance auf ein Jobangebot von L'Oréal.
Der größte Kosmetikkonzern der Welt findet seinen Führungsnachwuchs spielend. Der Brandstorm-Wettbewerb dient ebenso wie der e-Strat-Challenge - ein virtuelles Online-Strategiespiel - als Rekrutierungsinstrument. 20 bis 25 der 90 Teilnehmer wird das Unternehmen nach Abschluss ihres Studiums voraussichtlich genauer unter die Lupe nehmen. Seit Beginn des Wettbewerbs im Jahr 1993 haben weltweit mehr als 16.000 Studenten teilgenommen.
Personaler und Manager lernen die Teilnehmer und potenziellen Mitarbeiter aus nächster Nähe und in einer praxisorientierten und realitätsnahen Situation kennen. Dabei zeigt sich zum Beispiel: Die Asiaten sind zwar höflich, aber durchaus nicht immer angepasst: Malaysia singt - ach was brüllt - bei der Präsentation ein Lied ins Mikrofon. Und selbst die Chinesen treiben es bunt. Mit Postern, Partys und Events wollen sie Pekings Ausgehmeile überfluten, um Trends zu setzen - und natürlich ihr Produkt zu verkaufen. Dabei werfen sie mit Grafiken und Zahlen um sich, dass einem schwindelig wird. Leider hat das Team die Marktforschung vernachlässigt, was sich bei der Fragerunde am Ende zeigt. "Die Welt bewegt sich. Russland, Australien und Brasilien sind unter anderem die Märkte der Zukunft", sagt Jean-Claude Le Grand, internationaler Recruiting Director bei L'Oréal. "Es ist schwierig, geeignete Leute in all diesen Ländern zu finden, deswegen ist der Brandstorm so wichtig."
"Wir brauchen jedes Jahr neue Talente und stellen in der ganzen Welt ein", sagt Le Grand. Einen Standardweg ins Unternehmen gibt es nicht. Vielfalt soll für Kreativität und Inspiration sorgen. "Je eher der Führungsnachwuchs zu uns kommt, desto besser. Wir bevorzugen Undergraduates, rekrutieren aber auch bei renommierten Business Schools. So stellen wir zum Beispiel fünf bis sechs Absolventen pro Jahr von der Insead ein." Insgesamt kommt etwa ein Drittel des Nachwuchses von Business Schools, sei es als Master oder als Bachelor.
Personalentwicklung und Nachwuchsförderung spielen bei L'Oreal eine große Rolle
Denn Führungspositionen gibt es reichlich in dem breit aufgestellten Konzern. So verfügt L'Oréal über weltweit 40 Fabriken und 100 Produktionsstätten. Für die Nachwuchsförderung stehen Management Development Center in Europa, den USA, Rio de Janeiro und Schanghai bereit. Karriere bei L'Oréal bedeutet in der Regel Verantwortung schon in jungen Jahren, neue Herausforderungen und einen raschen Aufstieg. So sind weltweit fast die Hälfte der Generaldirektoren des Konzerns jünger als 40 Jahre. "Erfolgreiche Bewerber erwartet eine Langzeitperspektive", sagt Le Grand. Rund ein Drittel der Ausbildung erfolgt über Kurse und Seminare. Der Rest wird in der täglichen Praxis vermittelt. Dabei helfen die halbjährlichen Evaluierungsgespräche und die flachen Hierarchien, die einen Austausch zwischen erfahrenen und unerfahrenen Mitarbeitern erleichtern.
Eine internationale Karriere streben auch die deutschen Wettbewerbsteilnehmer "Brandits" von der ESB Reutlingen an: "Ich habe an der Uni von dem Wettbewerb gehört und war gleich begeistert", sagt Antonia Schilling (23). "So eine Erfahrung kann kein Praktikum bieten. Man kann eigene Ideen umsetzen und seine Fähigkeiten in der Realität ausprobieren", ergänzt Teamkollege Jan Schwarzbach (23).
Die Wettbewerbsteilnahme bedeutet in jedem Fall "viel Arbeit und lange schlaflose Nächte", sagt die Argentinierin Mariana Azar (21). Von den Sprachproblemen, die Nicht-Muttersprachler mit der internationalen Marketing-Sprache Englisch so haben können, mal abgesehen. Trotzdem: "Der Team Spirit war klasse, und es hat viel Spaß gemacht", darin sind sie sich alle einig. "Der Wettbewerb ist eine einzigartige Gelegenheit, Kreativität wie in der echten Berufswelt zu zeigen", sagt Ayelen Campos (18) vom argentinischen Team. Nicht zuletzt gewinnen die Teilnehmer weltweit Freunde, lernen Studienkollegen und potentielle Geschäftspartner kennen und knüpfen - ganz im multikulturellen Sinne von L'Oréal - schon mal wichtige Kontakte für die berufliche Zukunft.
von Marie-Thérèse Nercessian, www.welt.de
© StepStone, 2007
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